Polizei und Kampfmittelräumdienst
„Wir haben doch einen guten Job”
sagte einmal ein Kollege von mir zu
meiner Anfangszeit,...
um die Lage zu bewältigen, schweißen
letztendlich zusammen. Die Kenntnis der
Einsatzgrundsätze und Aufgabenberei-
che der ...
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Polizeizeitung SH 3_2003 Auszug

Published on: Mar 4, 2016
Source: www.slideshare.net


Transcripts - Polizeizeitung SH 3_2003 Auszug

  • 1. Polizei und Kampfmittelräumdienst „Wir haben doch einen guten Job” sagte einmal ein Kollege von mir zu meiner Anfangszeit, „wenn wir kom- men, sind alle froh und wenn wir wieder gehen, dann auch”. Wann immer ein Objekt im Land auf- taucht, das nach alter Munition aussieht oder eine unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung sein könnte, werden wir gerufen. Die Entschärfer von Schleswig-Holstein "warten" nicht auf einen Einsatz, sondern sind in ihrer Haupttätigkeit mit der Beseitigung konventioneller Munition beauftragt. Immerhin wer- den im Jahr durchschnittlich acht- zig Bomben gefunden, wobei etwa zwanzigmal im Jahr größere Eva- kuierungsmaßnahmen erforderlich sind. Der tragische Unfall vor ein paar Wochen in Salzburg hat aber wieder deutlich ge- zeigt, dass diese Arbeit nicht umsonst ist. Bei der Vorbereitung einer Entschärfung explodierte eine amerikanische Flieger- bombe aus dem zweiten Weltkrieg und riss drei Kollegen mit in den Tod. Aber nicht nur Bomben werden im Laufe der Zeit durch Korrosion immer ge- fährlicher, sondern auch kleinkalibrige Munition. Der letzte tödliche Unfall in Schleswig-Holstein wurde durch eine 2cm-Flakmunition ausgelöst, die gerade mal daumengroß ist. Ein wesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, Baugrundstücke auf Kampfmittel hin zu überprüfen und die rund 27.000 Luftbilder auszuwerten, um Verdachts- punkte festzulegen, Bombenblindgänger zu lokalisieren, zu bergen und zu ent- schärfen. Ferner müssen rund Zehntau- send Stück kleinerer und größerer Grana- ten jährlich geborgen und im eigenen Mu- nitionszerlegebetrieb vernichtet werden. Der Tauchertrupp beseitigt auch Jahr- zehnte nach Ende des Krieges noch ge- fährliche Hinterlassenschaften wie Mi- nen und Torpedos im Wasserbereich. Schleswig-Holstein nimmt zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern eine Sonderstellung in den Organisations- strukturen der Kampfmittelräumdienste (KMRD) und der Entschärfer für unkon- ventionelle Spreng- und Brandvorrich- tungen (USBV) ein. Die Aufgaben wer- den ausschließlich durch das Amt für Ka- tastrophenschutz (AfK), Dezernat 3 „Kampfmittelräumdienst”, wahrgenom- men. Das AfK gehört zum Innenministe- rium. In allen anderen Bundesländern sind die beiden Aufgabenfelder auf zwei völlig unterschiedliche Dienstellen verteilt. Die konventionelle Beseitigung führen Staat- liche Räumdienste oder Firmen aus, der USBV-Bereich wird vom LKA abge- deckt. Es sprechen viele Gründe dafür, diese Be- reiche zu verschmelzen und es gibt Län- der, die langfristig diesen Weg gehen wollen. Die „Grundausbildung” ist für beide gleich, der Umgang mit Munition, das tägliche Geschäft und vor allem spricht die Tatsache dafür, dass USBV unter Verwendung umlaborierter alter Munition hergestellt werden. In Schles- wig-Holstein sind alle sechs verantwortli- chen Entschärfer auch Truppführer in der Kampfmittelbeseitigung, so dass die Fra- ge der Zuständigkeit gar nicht erst auf- kommt. Hinzu kommt, dass spezielles Gerät wie Bombentransportkugel, Mani- pulator und Sicherheitsstand für Aufga- ben aus beiden Bereichen eingesetzt und daher nur einmal beschafft werden muss. Eine Bereitschaft mit zwei Mann steht je- derzeit zur Verfügung, um Gefahren, die von Kampfmitteln aller Art ausgehen können, abzuwehren. Einige wenige Kritiker denken, dass die Zu- sammenarbeit von Nicht-Polizeidiensttellen wie wir es sind, mit der Polizei nicht opti- mal funktionieren könnte. Genau das Ge- genteil ist der Fall. Die Verzahnung mit den Kollegen vor Ort, den Sprengstoffer- mittlern des LKA, den Polizeiführungs- stellen, dem SEK und vor allem mit den Sprengstoffsuchhundeführern, für uns unersetzbare Partner bei Bombendrohun- gen, ist optimal. Durch den intensiven Er- fahrungs- und Informationsaustausch so- wie gemeinsame Übungen konnten Ein- satztaktiken verbessert und Unfälle ver- hindert werden. So wird mir der Kollege immer in Erinne- rung bleiben, der einen Behälter mit TATP, ein höchst empfindliches Selbst- laborrat, in seinen Streifenwagen packen wollte und von einem Hundeführer abge- halten wurde, der seine Kenntnis aus den gemeinsamen Übungen mit uns gewon- nen hatte. Aber auch gemeinsame Einsätze, wie der Sprengstoffverdacht am Lübecker Flug- hafen, bei denen Ermittler- und Spurensi- cherungsteams der Kripo, des LKA, Hun- deführer, lokale Polizei und die Entschär- fer sehr eng zusammenarbeiten mussten, 4 Polizei Schleswig-Holstein • 3/2003 Innenminister Klaus Buß mit dem Technischen Einsatzleiter Elmer Wartmann nach einer Bombenentschärfung.
  • 2. um die Lage zu bewältigen, schweißen letztendlich zusammen. Die Kenntnis der Einsatzgrundsätze und Aufgabenberei- che der Kollegen ist ein außerordentlich wichtiger Baustein für einen gemeinsa- men Erfolg bei der Abwehr von Gefahren durch unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtungen. Ständiges Training und Weiterbildung, optimale Ausstattung, modernstes und vor allem gepflegtes Gerät ist für den Ein- satz an unbekannten Sprengvorrichtun- gen (über-)lebenswichtig, wie der tödli- che Unfall eines Entschärfers in Moskau wieder in trauriger Weise belegt hat. Das Unglück hätte vermutlich vermieden werden können, wenn der eingesetzte Ro- boter optimal funktioniert hätte. Zu Beginn der RAF-Zeit wurde vorallem auch in Schleswig-Holstein begonnen, Spezialgerät zu entwickeln, zu bauen und zu testen. Mit den Erfahrungen aus dieser Zeit und der folgenden Jahre reifte der Kampfmittelräumdienst zu einer Truppe, die hinsichtlich Ausbildung und Gerät keinen Vergleich zu scheuen braucht. Heute stehen modernste Einsatzfahrzeu- ge, Roboter, Röntgentechnik, Schutzan- züge und anderes Gerät zur Verfügung. Wahrscheinlich mit ein Grund dafür, dass trotz der zirka fünfzig Einsätze im Jahr in diesem Bereich glücklicherweise bisher keine Unfälle passiert sind. Ein Appell richtet sich an die Kollegen vor Ort, die vor der Entscheidung stehen, ob ein Objekt als gefährlich einzustufen ist und wie damit umgegangen werden soll. Es ist eine Entscheidung, die einen erheblichen Aufwand nach sich ziehen kann. Wir haben es da erheblich einfa- cher: Wenn wir alarmiert werden, ist die „Lage” bereits klar. Der Kollege vor Ort muss entscheiden, ob von diesem Objekt eine Gefahr ausgehen könnte oder nicht. Trifft er diese Entscheidung, so gibt es nur „schwanger oder nicht schwanger”! Ist ein Objekt als Gefahr eingestuft, ist es ausschließlich Aufgabe der Entschärfer, damit umzugehen. Der Polizist ist weder dafür ausgebildet oder ausgerüstet, noch bekommt er die zusätzliche Gefahr be- zahlt. Welche Schäden bereits kleinste Mengen anrichten können, versuchen wir bei diversen Weiterbildungen immer wie- der zu vermitteln. Verdächtige Objekte unbedingt immer vor Ort lassen, nicht be- rühren und großzügig den Bereich räu- men. Sicherlich stellt sich später öfters heraus, dass da nichts dahinter war, aber wer sonst als die dafür ausgebildeten Spezia- listen soll das feststellen? Viele Koffer werden jährlich auf den Flughäfen und Bahnhöfen „umsonst” mit Spezialgerät unter Sicherheit geöffnet, und nun war in Dresden doch mal einer dabei, der bei funktionierender Auslö- sung zahlreiche Tote und Verletzte gefor- dert hätte. Überraschung! Wird nicht oft auch der Notarzt hinzuge- zogen der dann feststellt, dass die Verlet- zung doch nicht so schlimm ist und von einem anderen hätte auch versorgt wer- den können? Wer aber hätte das vorab entscheiden sollen und vor allem: wer würde mal eben selbst eine Notoperation durchführen? Und dabei würde auch nur der Patient und nicht der „Arzt” gefähr- det. Wir kommen lieber hundertmal umsonst als einmal, um nur noch festzustellen, weshalb und durch was der Kollege ver- letzt oder gar getötet wurde. Das sollte Ih- nen und uns erspart bleiben. Setzen Sie besser auf die bewährte gute Zusammen- arbeit. Stefan Garbereder Amt für Katastrophenschutz - Kampfmittelräumdienst - Polizei Schleswig-Holstein • 3/2003 5 Aus sicherer Entfernung dirigieren Entschärfer den Fernlenkmanipulator über einen Bildschirm an ein verdächtiges Objekt.

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